Es gibt einen Reflex, der sich bei fast allen Gartenbesitzern im Oktober meldet: Sobald die ersten Blätter fallen, kommt der Rechen aus dem Schuppen. Die Beete werden abgeräumt, die Stauden bodeneben gekappt, die Säcke an die Straße gestellt. Das Ergebnis sieht ordentlich aus und fühlt sich nach getaner Arbeit an. Nur richtet dieser Reflex im Garten mehr Schaden an als jede vergessene Gießkanne im Hochsommer. Wer im Oktober das Laub liegen lassen kann und die Stauden stehen lässt, spart sich nicht nur ein Wochenende, sondern erhält seinem Garten das, was ihn im nächsten Frühjahr überhaupt erst zum Leben bringt.
Was in einer Handvoll Laub tatsächlich lebt
Eine Laubschicht ist kein Abfall, der zufällig auf dem Beet gelandet ist. Sie ist Winterquartier, Vorratskammer und Frostschutz in einem. Zwischen den Blättern überwintern Laufkäfer, Ohrwürmer, Asseln, Spinnen, Schmetterlingspuppen und Erdkröten. Hummelköniginnen ziehen sich in Ritzen, Totholz, Laub oder in verlassene Mäusenester zurück und verbringen dort die kalte Jahreszeit. Sie alle stellen im Frühjahr die Insektenmasse, von der Meisen ihre Brut füttern.
Wer Laub liegen lässt, unterstützt diese ganze Belegschaft, die über den Winter an der obersten Blattschicht arbeitet. Was hier zersetzt wird, ist im Frühjahr der Humus, für den andere im Gartencenter anstehen.
Darunter passiert der zweite Teil. Die Blattschicht schützt den Boden vor Frost, Austrocknung und Starkregen und wird von Regenwürmern, Springschwänzen und Pilzen in Humus umgebaut. Was Sie im Herbst in Säcke füllen und wegfahren lassen, kaufen Sie im Frühjahr als Kompost zurück.
Und schließlich ist das Laub eine Futterstelle. Amseln, Rotkehlchen und Igel durchsuchen die Schicht nach Insekten, Asseln und Schnecken. Ein blank geräumter Garten sieht für einen Igel im Oktober aus wie ein leerer Kühlschrank.
Wo Sie das Laub liegen lassen können und wo nicht
Liegen bleiben darf es auf Beeten, unter Hecken, unter Sträuchern und auf Baumscheiben. Dort ist es exakt am richtigen Platz, dort schützt es Wurzeln und Bodenleben, dort verschwindet es bis zum Frühsommer von selbst. Zwischen Stauden können Sie es sogar bewusst zusammenschieben, ohne dass es unordentlich wirkt.
Weggeräumt gehört es von Wegen, Treppen und Zufahrten, weil nasses Laub auf Pflaster rutschig wie Seife wird. Auch aus dem Gartenteich sollte es heraus, sonst zehrt der Zersetzungsprozess über den Winter Sauerstoff und belastet das Wasser mit Nährstoffen. Und der Rasen verträgt eine geschlossene Blattdecke nicht lange. Unter einer dichten, nassen Schicht bekommt das Gras kein Licht und keine Luft, nach ein paar Wochen bleiben gelbe, verpilzte Stellen zurück.
Das ist aber kein Grund, das Laub in die Biotonne zu werfen. Harken Sie es vom Rasen einfach ins nächste Beet oder unter die Hecke. Wer einen Rasenmäher mit Fangkorb hat, kann eine dünne Laubschicht auch überfahren. Das zerkleinerte Material verrottet schneller und lässt sich hervorragend als Mulch verteilen.
Nicht jedes Blatt verrottet gleich schnell
Obstbaum-, Birken-, Linden- und Ahornlaub ist weich und dünn, es ist bis zum Frühsommer weitgehend verschwunden. Deutlich länger brauchen die gerbstoffreichen Blätter von Eiche und Walnuss sowie das ledrige Laub von Kirschlorbeer, Rhododendron und Platane. Diese Blätter sind trotzdem brauchbar, sie gehören nur an Stellen, an denen ein Jahr Zeit keine Rolle spielt: unter Hecken, in eine Gartenecke, oder in einen einfachen Drahtkorb, aus dem nach zwölf bis achtzehn Monaten Laubkompost wird.
Eine Ausnahme gilt für krankes Laub. Blätter mit Sternrußtau von Rosen, mit Apfelschorf oder mit Kirschblattfleckenkrankheit tragen die Sporen für die nächste Saison in sich und bleiben besser nicht unter dem betroffenen Gehölz liegen. Sie können auf den heißen Kompost oder in die Biotonne. Das betrifft ein paar Quadratmeter unter zwei oder drei Pflanzen, nicht den ganzen Garten.
Ein Rechen richtet weniger Schaden an als jedes Gebläse
Laubbläser und Laubsauger sind die schnellste Methode, einen Garten leer zu bekommen, und die gründlichste, ihn tot zu bekommen. Saugmodelle mit Häckselwerk zerkleinern nicht nur Blätter, sondern alles, was sich darin aufhält. Kleintiere, Puppen und Insektenlarven überleben den Vorgang nicht. Dazu kommt der Luftstrom, der die oberste Bodenschicht mitsamt Kleinlebewesen aufwirbelt und austrocknet.
Der Weg vom Rasen ins Beet ist zwei Meter lang und erspart den kompletten Gang zum Wertstoffhof. Wer das Laub liegen lassen will, harkt es einfach vom Rasen ins Beet. Ein Fächerbesen arbeitet dabei langsamer als ein Gebläse, dafür überlebt alles, was zwischen den Blättern sitzt.
Ein Fächerbesen oder ein Laubrechen ist langsamer, aber leiser, gründlicher im Ergebnis und wesentlich schonender. Auf Rasenflächen arbeiten Sie damit ohnehin präziser, weil Sie sehen, was Sie mitnehmen. Und Sie bekommen für Ihre Mühe ein Ergebnis, das ein Laubsauger nicht liefert: Material, das Sie noch verwenden können.
Vertrocknete Stauden sind Winterquartier und Futterstelle zugleich
Der zweite große Herbstreflex gilt dem Staudenbeet. Sonnenhut, Fetthenne, Karde, Königskerze, Astern und Gräser sehen im Oktober tatsächlich nicht mehr aus wie im Juli. Wer sie jetzt bodeneben abschneidet, räumt allerdings ein bewohntes Haus ab.
In hohlen und markhaltigen Stängeln überwintern Wildbienen, Florfliegen, Marienkäfer und Schlupfwespen. Britische Forscher haben in Schilfhalmen im Schnitt sechs Insektenlarven pro Abschnitt zwischen zwei Knoten gefunden, hochgerechnet über hundert Larven in einem einzigen Halm. Die Keulhornbiene verlässt ihr Stängelquartier oft erst im April. Wer im Oktober schneidet, entfernt eine Generation Blattlausjäger, die im Mai im Beet gebraucht wird.
Dazu kommen die Samenstände. Stieglitz, Grünfink und Girlitz ernten die Samen von Sonnenhut, Karde, Wilder Möhre und Sonnenblume den ganzen Winter über ab. Und optisch ist ein Beet mit Raureif auf trockenen Fruchtständen dem kahl geräumten Erdstreifen deutlich überlegen.
Ein Fachhinweis mit konkretem Wert an dieser Stelle: [! fehlt: Name und Funktion des Zitatgebers, Zitat freigeben lassen. Vorschlag Sabine Klingelhöfer, Öffentlichkeitsarbeit Neudorff, ist bereits Apuncto-Expertin. Formulierungsvorschlag zur Abstimmung: „Wenn Sie im Frühjahr schneiden, lassen Sie Stummel von zwanzig bis dreißig Zentimetern stehen. Darin nisten Wildbienen im selben Jahr noch einmal neu, das ist die beste Nisthilfe, die Sie im Garten haben, und sie kostet nichts.“]
Ein Haufen in der Gartenecke schlägt jedes gekaufte Insektenhotel
Wenn Sie im Herbst nur eine Sache aktiv tun wollen, dann diese: Schichten Sie Laub, Reisig und Staudenschnitt in einer ruhigen, windgeschützten Ecke locker zu einem Haufen auf. Einen halben Meter hoch, gern einen Meter im Durchmesser, gegen Wind mit ein paar dickeren Ästen beschwert. Der Standort sollte schattig und ungestört sein, nicht mitten auf dem Weg zur Mülltonne.
Zwanzig Minuten Aufwand, kein Materialeinsatz, und ab Mitte Oktober bezugsfertig. Wichtig ist nur, dass danach niemand mehr mit der Gabel nachsieht, ob jemand eingezogen ist.
Igel suchen ihre Winterquartiere auf, wenn die Bodentemperaturen dauerhaft gegen null gehen, ihr Winterschlaf setzt etwa unterhalb von fünf bis sechs Grad ein. Ab Mitte Oktober wird ihr Nahrungsangebot deutlich knapper, dann bauen die Alttiere ihr Nest. Ein Laub-Reisig-Haufen ist genau das, wonach sie suchen. Erdkröten, Spitzmäuse und Käfer nutzen ihn mit. Ein solcher Haufen kostet nichts, dauert zwanzig Minuten und leistet mehr als das gekaufte Insektenhotel am Zaun, in das erfahrungsgemäß nur ein Bruchteil der Arten einzieht.
Wichtig ist danach das Nichtstun. Ein Haufen, der im Januar umgeschichtet oder mit der Gabel geprüft wird, weckt einen Igel aus dem Winterschlaf, und der verliert dabei Reserven, die er nicht mehr aufholen kann.
Der eigentliche Arbeitstag liegt im Mai
Das Nichtstun im Oktober verschiebt die Arbeit, es schafft sie nicht ab. Der Schnitt gehört ins Frühjahr, und zwar später, als die meisten denken. Fachleute empfehlen, Stauden mit verholzten Stängeln bis mindestens Mai stehen zu lassen. Gräser dürfen früher weichen.
Schneiden Sie dann nicht bodeneben, sondern lassen Sie Stummel von zwanzig bis dreißig Zentimetern stehen. Sie verschwinden hinter dem frischen Austrieb und dienen im selben Jahr als Niströhre. Das Schnittgut gehört nicht sofort in den Häcksler, sondern für ein paar Wochen aufrecht an einen Zaun gebunden oder locker in einer Ecke gestapelt, damit die Bewohner ausziehen können. Danach kann es auf den Kompost.
Wer sein Beet in Etappen schneidet, statt an einem Samstag alles auf einmal, lässt der Tierwelt außerdem einen Rückzugsraum. Das ist der ganze Unterschied zwischen einem gepflegten und einem sterilen Garten.
Zwei Wochenenden weniger, ein Garten mehr
Der Herbst ist die einzige Jahreszeit, in der Unterlassung eine echte Gartenleistung ist. Sie sparen sich zwei Wochenenden mit Rechen und Säcken, Sie sparen sich den Weg zum Wertstoffhof, und Sie bekommen dafür einen Boden, der im Frühjahr lockerer ist, Beete, die weniger Dünger brauchen, und ein Insektenaufkommen, das die Blattläuse an den Rosen erledigt, bevor Sie überhaupt zur Spritze greifen. Der einzige Preis dafür ist ein Garten, der von November bis Mai nicht aussieht wie frisch gestriegelt. Das ist ein Anblick, an den man sich schneller gewöhnt, als man denkt, spätestens beim ersten Frost, wenn der Raureif auf den Samenständen der Karden liegt.
Fotos: Textnetz, Generiert mit KI





